Selbstversuch von Michael Wögerer- Auskommen mit der Mindestsicherung und trotz allem mal zum Friseur

Selbstversuch von Michael Wögerer- Auskommen mit der Mindestsicherung und trotz allem mal zum Friseur

 

 

Michael Wögerer·Mittwoch, 17. Mai 2017

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Es gibt sie, diese Tage, die einen noch lange in Erinnerung bleiben. Nach meinem heutigen Frühdienst in der APA – Austria Presse Agentur hab ich mich im nahe gelegenen Grünwald-Park in die Sonne gesetzt, mein mit etwas Geschmack versetztes Mineralwasser getrunken und die ersten Fragen für ein Halbzeit-Interview zu meinem Selbstversuch 31 Tage Mindestsicherung beantwortet.

Kurz vor 13 Uhr machte ich mich auf den Weg zum bereits angekündigten Frisör-Termin. Da ich durchschnittlich nur 7,50 Euro pro Tag zur Verfügung habe, sollte das bereits dringend notwendige Haareschneiden wenig bis gar nichts kosten und das Ganze sollte nicht nur für mich gelten. Barbara hat mich rasch vom Angebot des gewerkschaftlichen Fachstudios für FriseurInnen überzeugt. Hier werden junge Menschen auf ihren Beruf als Friseure, Kosmetiker, Fußpfleger und Masseure vorbereitet und um nicht nur mit Plastikköpfen und Kunsthaaren zu üben, sind die Lehrlinge froh auch am lebenden Objekt zu probieren.

Fachstudio: 1060 Wien, Otto Bauer-Gasse 7 (Tel: 01/597 04 87)

 

Von Montag bis Donnerstag bietet das Fachstudio die Möglichkeit, dass sich jede/r der/die will, um 9 Uhr oder um 13 Uhr äußerst günstig z.B. die Haare schneiden lassen kann (mir wurde auch eine Fußpflege angeboten, bin aber leider sehr kitzlig). Lediglich Materialkosten müssen bezahlt werden.

Pünktlich um 13 Uhr betrete ich das Studio. Einigen älteren Damen werden gerade die Haare gewaschen. “Sie haben bestimmt einen Termin?”, fragt mich eine junge Friseurin. Ich erkläre, dass ich mit Frau S. gesprochen hätte, doch hier ist man untereinander per Du.

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“Barbara, meinen Sie. Kommen Sie ruhig weiter!”

Im zweiten, noch viel größeren Raum des Friseursalons werken eifrige Menschen an ihren Haarmodellen, es wird gekämmt, geschnitten und geföhnt.

 

Hier lerne ich Alper kennen. Der freundliche junge Mann wird mir in der nächsten Stunde einen neuen Haarschnitt verpassen. Wir unterhalten uns über meinen Selbstversuch, seine Leidenschaft für den Friseurberuf und dass man dabei manchmal auch therapeutische Fähigkeiten braucht.

Selten habe ich mich in einem Friseurstudio so gut betreut gefühlt. Die Lehrlinge werden hier intensiv auf ihre Abschlussprüfung vorbereitet, die Trainer schauen ihnen ab und zu über die Schulter, geben kleine Anweisungen und Tipps. Eine davon ist Vicki. Sie arbeitet schon sehr lange als Ausbildnerin im Fachstudio und erzählt mir, dass manche Kunden schon seit vielen Jahren regelmäßig dorthin kommen. Sie schätzen die Atmosphäre und natürlich auch, dass sie für das Service (fast) nichts bezahlen müssen. Die Trainer fahren mit den Kursteilnehmern auch manchmal zu arbeitslosen Jugendlichen und machen dort Haare und Make-up, damit die jungen Leute gute Bewerbungsfotos bekommen. Auch Flüchtlingsunterkünfte werden besucht, um dort kostenlos Haare zu schneiden.

Zwei zufriedene Gesichter und ein neuer Haarschnitt.

 

Ich freue mich sehr, dass ich heute dort war. Mit Alper habe ich einen ausgesprochen talentierten Friseur kennengelernt, den ich bestimmt auch mal besuchen werde, wenn er in einem “normalen” Friseurstudio arbeitet.

Für Menschen mit wenig Geld ist das Fachstudio im 6. Wiener Gemeindebezirk jedenfalls ein Geheimtipp. Vielleicht muss man ein wenig mehr Zeit und Geduld als sonst aufbringen, aber die freundliche Atmosphäre und das Gefühl nicht nur eine Dienstleistung zu bekommen, sondern gleichzeitig jungen Menschen bei ihrer Ausbildung zu unterstützen, ist großartig.